9 Unsere Umwelt

9. UNSERE UMWELT

Der Großteil der Landschaft, in der wir uns bewegen und arbeiten ist Kulturlandschaft, entstanden in Jahrhunderten, durch den Einfluss unserer Vorfahren. Kulturlandschaft ist Lebensraum, Wirtschaftsraum, identitätsstiftend für uns als Einwohner, auch für jene die nicht in der Landwirtschaft arbeiten. Heute haben wir aber, im Gegensatz zu früher, technische Mittel in unseren Händen, mit denen wir die Landschaft schneller, tiefgreifender und endgültiger verändern können als in den Jahrtausenden zuvor. Das bedeutet, dass wir auch mehr Verantwortung dafür tragen, wie wir mit Natur und mit Landschaft umgehen. Allein die heile Welt zu suggerieren und Absichtserklärungen zu formulieren wird nicht reichen. Zunächst sollten wir kritisch beobachten und erkennen, in welcher Situation wir uns befinden, auf dieser Basis dann zu einer Vision gelangen für mögliche Entwicklungsszenarien und daraus unsere Handlungen ableiten. Und bei diesen konsequent sein.

Nur etwa 6% der Fläche von Südtirol sind überhaupt für eine Bebauung und für intensive landwirtschaftliche Nutzung geeignet. Der Rest ist zu steil, zu hoch, zu felsig oder unzugänglich. Von diesen 6 % haben wir heute, im Jahr 2018, bereits ein Drittel verbaut, das meiste davon in den letzten 50 Jahren. Wenn wir genau in diesem Tempo weitermachen, haben wir in 100 Jahren die Talböden vollständig mit Siedlungen oder Infrastrukturen überzogen. 100 Jahre scheinen weit weg, aber bereits viel früher wird man erkennen, dass die Situation zu kippen beginnt. Dann ist es aber schon sehr spät. Noch haben wir diesen Punkt nicht erreicht. Um aber für die nächsten Generationen Entscheidungsspielraum zu erhalten, schlagen wir konkrete Maßnahmen vor.

Die Europäische Landschaftskonvention unterscheidet herausragende Landschaften, alltägliche Landschaften, verstädterte und beeinträchtigte Landschaften. Alle diese Landschaften verdienen unsere Aufmerksamkeit, auch wenn sie eine unterschiedliche Herangehensweise und Behandlung verlangen.

Naturdenkmäler und Biotope

Die Naturdenkmäler und Biotope sind die Perlen der Südtiroler Landschaft, Hotspots der Ästhetik und der Biodiversität. Viel zitiert, fotografiert und gepriesen, aber in der politischen Realität letztendlich zu wenig beachtet. Sie sind gefährdet durch Umwidmung, Beschädigung, Nährstoffeintrag, Wasserableitung und Verschmutzung. Vom gesamten, großen Landeshaushalt bräuchte es nur einen sehr kleinen Anteil, um diese Hotspots zu pflegen und zu erhalten – trotzdem wurden die Ressourcen in den letzten Jahren immer weniger, sowohl was das Geld als auch das Personal betrifft. Mit Folgen die man bereits sehen kann.

Wir sind für: deutliche Aufstockung der Mittel für Pflege und Erhalt der Biotope und Naturdenkmäler in Südtirol, zur Erhaltung von landschaftlicher Schönheit und biologischer Vielfalt. Wir sind auch für ein klares politisches Bekenntnis zum Schutz der Biotope und Naturdenkmäler.

Nationalpark und die Naturparke

Der Nationalpark und die Naturparke sind die Großschutzgebiete in Südtirol, sie bedecken rund ein Viertel der Landesfläche. Sie umfassen natürliche Landschaften, aber zu großen Teilen auch Kulturlandschaft. Sie sind ein Aushängeschild Südtirols und ein wesentliches Standbein für den Tourismus. Die Erhebung der Dolomiten zum Weltnaturerbe bedeutet eine zusätzliche Anerkennung und Verpflichtung. Es gibt Naturparks, die von den Anwohnern geschätzt werden und mit denen sich die Bevölkerung identifiziert, aber auch solche bei denen die Menschen und die Verwalter in der unmittelbaren Nachbarschaft auch nach Jahren seit der Ausweisung noch skeptisch bis kritisch sind. Die Bauern, welche die Flächen innerhalb der Parks bewirtschaften, setzen vielerorts immer noch auf Intensivierung, obwohl dies oft den Schutzzielen zuwiderläuft.

Wir sind für:
verstärkte Einbindung der Bevölkerung und konkrete Projekte, um den Anwohnern der Naturparke deren Vorteile näherzubringen und sie an diesen Vorteilen teilhaben zu lassen. Für die Bauern innerhalb der Parks sind Konzepte nötig, um, auch durch gezielte Förderung, eine extensive Landwirtschaft innerhalb der Naturparks zu betreiben und Landschafts-Pflegemaßnahmen für die Bauern attraktiver zu machen.

Natürliche und naturnahe Landschaft

Die natürliche und naturnahe Landschaft, außerhalb der Schutzgebiete ist ebenfalls Grundlage für den Tourismus, aber ganz besonders auch für die Lebensqualität der Menschen, die in Südtirol leben und arbeiten. Der Veränderungsdruck ist hier ganz besonders hoch. Zum Teil geht es um die Erschließung bisher unerschlossener, naturbelassener Landschaftsteile, um die Rodung von Wald zu Gunsten der Landwirtschaft, besonders auch um die Neuerrichtung und Erweiterung von Skigebieten, einschließlich der zugehörigen Infrastrukturen wie Speicherbecken und Versorgungseinrichtungen. Hinzu kommen die Beeinflussung und Veränderung von natürlichen Wasserläufen für energetische Nutzung, Bewässerung und künstliche Beschneiung, und die Eingriffe in die Landschaft zur Gewinnung von Steinen und Schotter.
Dies alles geht einher mit Landschafts- und Flächenverbrauch und mit dem Verlust an landschaftlicher Schönheit und Unberührtheit. Dabei sind die Veränderungen eine Summe von punktuellen, untereinander oft nicht abgestimmten Eingriffen, vielfach ohne oder mangelhafte Berücksichtigung übergeordneter Konzepte. Fachpläne zu den verschiedenen Bereichen wurden in den vergangenen Jahren entweder abgeschafft oder werden unzureichend genutzt.

Wir sind für: effizientere Planung und Steuerung sowie besseres Monitoring der landschaftsverändernden Prozesse. Wir sind auch für einen verstärkten Austausch und für mehr Kommunikation zwischen den Akteuren, die in der Landschaft wirksam sind. Durch bessere Koordination untereinander soll eine ressourcenschonende Art der Landschaftsveränderung unterstützt werden, und durch das gemeinsame Definieren von Zielen – einschließlich das Festlegen von Obergrenzen – sollen die Entwicklungen so gesteuert werden, dass die nächsten Generationen noch Entscheidungsspielraum haben. Das kürzlich verabschiedete neue Gesetz für Raum und Landschaft wird diesen Ansprüchen, in der gegenwärtigen Form, bei weitem nicht gerecht.

Das Landwirtschaftsgebiet

Das Landwirtschaftsgebiet. Es gibt in Südtirol “das Landwirtschaftsgebiet” als etwas Einheitliches gar nicht. Zu verschieden sind die Gegebenheiten. Als gänzlich unterschiedliche Realitäten kann man die Obst- und Weinbaugebiete und die als Grünland genutzten Flächen betrachten. Während die Grenzlagen in der oberen Höhenstufe von Auflassung gefährdet sind, erfolgt in den tieferen Gunstlagen eine fortschreitende Intensivierung von Monokulturen in der Agrarproduktion. Damit einher gehen die Ausräumung der Kulturlandschaft und das Verschwinden von noch vorhandener Restnatur. Zudem ist das Landwirtschaftsgebiet, besonders in den Gunstlagen, in den letzten Jahrzehnten zum flächenmäßig wichtigsten Bauland avanciert.

Das Landwirtschaftsgebiet ist wirtschaftliche Grundlage der Bauern, Landschaftserlebnis für den Touristen, Lebensraum für die Wohnbevölkerung. Durch die Begrenztheit des Raumes und das Ineinandergreifen der Nutzungen ergeben sich zwangsläufig Interessenskonflikte. Besonders der Verlust an landschaftlicher Vielfalt wird wahrgenommen, aber auch Diskussionen hinsichtlich des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln in die Umwelt und somit auch in den Bereich der dort lebenden Menschen werden zunehmend zum Thema gemacht. Die Diskussionen hierzu erfolgen in der Regel nicht immer lösungsorientiert, sondern werden häufig vom Aufeinanderprallen von Standpunkten der verschiedenen Interessensvertretungen und Lobbys geprägt.

 

Wir sind für: einen besseren Schutz der Kulturlandschaft vor Verbauung und Zersiedelung, für eine Förderung extensiver Nutzungsformen, besonders in den Grenzlagen, im Sinne der Bewahrung des Landschaftsbildes. Wir sind für einen ehrlichen Diskurs zwischen den Akteuren, unter dem Schirm einer ausgleichenden Politik, die im Sinne des Gemeinwohls agiert, was nicht die Summe der Partikularinteressen sein kann. Zwischen Bauernschaft, Tourismus und Landschaftsschutz sind stärker die Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten und die gemeinsamen Interessen in den Vordergrund zu stellen, um allmählich von den gegenwärtigen Diskussionen wegzukommen, die in erster Linie die Gegensätze in den Vordergrund stellen.

Kenntnisse zu Natur und Landschaft

Die Kenntnisse zu Natur und Landschaft: sind noch nicht in allen Bereichen ausreichend. An vielen Stellen wird geforscht, Universität, Eurac, Landesabteilungen, das Naturmuseum erheben Daten, überregionale Projekte wie zum Beispiel Interreg werden durchgeführt. Allerdings bleibt es bei vielen Forschungsaktivitäten noch auf der rein wissenschaftlichen Ebene. Es fehlt oft die Umsetzung in die Praxis der aus der Forschung abgeleiteten Erkenntnisse. Auch ist der Daten- und Informationsfluss zwischen den Institutionen oft noch nicht ausreichend.

Wir sind für: eine weitere Forschung in den Bereichen Natur, Biodiversität und ökologische Landwirtschaft, aber vor allem für die Umsetzung der gewonnenen Erkenntnisse in die Praxis. Wir sind auch für einen viel besseren Informationsfluss der umweltrelevanten Daten zwischen den Entscheidungsträgern, da gute Entscheidungen können nur auf der Basis von guten Informationen getroffen werden können.

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