7 Gesundheit für Alle

7. GESUNDHEIT FÜR ALLE

Moderne Gesundheitspolitik erfasst alle Bereiche des Lebens.
Sie beginnt bereits bei der Sensibilisierung und der Information über die Gesundheitsvorsorge und nicht erst bei der Behandlung aufgetretener Krankheiten, und bewährt sich bei allen Abläufen im Sanitätsbereich, in Fällen von Krankheiten und Unfällen.
Ein allen Menschen zugängliches, steuerfinanziertes öffentliches Sanitätswesen macht es möglich, dass, unabhängig vom persönlichen Einkommen, eine individualisierte, qualitativ hochwertige, medizinische Versorgung akuter und chronischer Fälle von der Prävention bis zur Rehabilitation, gewährleistet werden kann.

ROLLE DER 7 KRANKENHÄUSER

Alle 7 Krankenhäuser Südtirols sollen in einem mehrstufigen Versorgungsmodell erhalten bleiben. Deren operative Rolle muss für eine optimale Versorgung und eine moderne Vernetzung neu definiert werden. Im Netzwerk mit Sprengel, niedergelassenen Fachärztinnen und Fachärzten, Hausärzten und Hausärztinnen spielen die Kleinkrankenhäuser eine tragenden Rolle in der territorialen Nahversorgung und können zur Entlastung der Schwerpunkt- Krankenhäuser beitragen. Für alle Standorte ist im Landesgesundheitsplan festzulegen, welche Leistungen und Angebote grundsätzlich an jedem Standort zu erbringen sind, um den Strukturen in der Peripherie und deren Leitern Planungssicherheit zu garantieren sowie die Möglichkeit, Jungärzte zu reklutieren. Dazu gehört eine Grundausstattung an Primariaten sowie die Präsenz eines ärztlichen Leiters oder einer Leiterin.
Auch bei zukünftigen Entwicklungen muss die medizinische Grundversorgung der Menschen im Territorium Richtschnur bleiben. Ein einheitlicher Sanitätsbetrieb gibt das Ziel vor, und die peripheren Spitäler arbeiten autonom an deren Umsetzung.

Dabei sollen die Vorteile eines Kleinspitals gestärkt werden:
– Persönliche Betreuung
– Zweisprachigkeit
– Räumliche Nähe
– Schnelle unkomplizierte Entscheidungsfindung
– Grundversorgung der Bevölkerung
– Mehrnutzung der Gebäude
– Arbeitsplätze
– Verkehrsvermeidung
– Tourismus (die Nähe eines Spitals ist ein Faktor bei der Urlaubs-Wahl vor allem der älteren Zielgruppen)
– Ausbildung

ORGANISATION UND WARTEZEITEN

Im Mittelpunkt moderner Gesundheitspolitik in Südtirol stehen die PatientInnen und Patienten.
Die medizinische Basis-Betreuung soll flächendeckend, auch mobil-aufsuchend, gemeinden- und bürgernah organisiert sein. Zudem sollen landesweit für spezialisierte ambulante, teilstationäre wie stationäre Diagnostik und Behandlung die bestehenden Kompetenznetzwerke ausgebaut und neue aufgebaut werden. Beispiele hierfür sind Abteilungen für Rheumatologie, Onkologie, Rehabilitation, Dermatologie, Augen, Urologie, Geriatrie, Gynäkologie, Radiologie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, allgemeine Psychiatrie sowie Dienste für Abhängigkeiten. Hierfür bedarf es neuer struktureller Wege in Organisation und Führung der Fachbereiche, Einführung der Digitalisierung, weitere Umsetzung und Vereinfachung einer einheitlichen Verwaltung, sowie Personalentwicklungsmaßnahmen. Die rasante Entwicklung der Medizin, die Pensionierung vieler Ärzte und Ärztinnen, Haus – wie auch Fachärztinnen und Fachärzten, das Arbeitszeitgesetz und der tatsächlich in vielen Bereichen bestehende Personalmangel gebieten dringenden Handlungsbedarf.

Ein Problemfeld ist die Krankenhaus-Lastigkeit des Südtiroler Gesundheitswesens. Im Sinne einer effizienten territorialen Versorgung sollten Behandlungen im Krankenhaus aber vor allem akute Fälle und die Hochspezialisierung betreffen, als zentrale Anlaufstelle für die Patientinnen und Patienten vor Ort soll hingegen die Basismedizin fungieren.

Ein vordergründiges Problemfeld sind aktuell die Wartezeiten für Fach- und Spezialuntersuchungen. Jahrelang hat hier die Politik tatenlos zugesehen wie Wartezeiten auch von über einem Jahr die Südtiroler Patientinnen und Patienten de facto in eine Zwei- oder Mehr-Klassen-Medizin geteilt haben.
Ziel muss die Einhaltung der gesetzlich vorgesehenen Wartezeiten sein: die Durchführung einer dringenden Visite am selben Tag, einer Prior-Visite innerhalb von 8 Tagen und nicht dringender Visiten innerhalb von 60 Tagen. Um dies zu gewährleisten, muss der öffentliche Sanitätsbetrieb aktiv konventionierte und private Gesundheitsdienstleister wie niedergelassene Ärzte und Ärztinnen, Beratungsstellen, Caritas, Forum Prävention und Privatkliniken als Ergänzung nach Bedarf einbinden. Die Vergabe der Konventionen hat dabei im Gegensatz zu heute transparent und nach objektiven Kriterien zu erfolgen und einen gleichen Standard für alle ermöglichen. Insbesondere für Facharzt-Visiten müssen Leistungen bei niedergelassenen Fachärztinnen eingekauft werden. Den Patientinnen und Patienten wird eine unbürokratische Rückvergütung ermöglicht.

Eine mit geeigneter Software ausgestattete Vormerkstelle ermöglicht es, durch abgestimmte Einweisungen die Wartezeiten und Auslastungen zu optimieren, sowie kurze Wege für die Bürgerinnen und Bürger und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Gesundheitswesens zu gewährleisten. Die Nachbarprovinz Trentino hat hiervorgemacht wie es funktionieren kann: Die Effizienz einer zentralen Vormerkstelle kommt dann zu tragen, wenn die Nutzerinnen und Nutzer sich verstanden fühlen, die Koordinierungsfunktion von geschulten Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen ausgeführt wird, der Dienst mit guter Informatik ausgestattet ist, und die angesprochenen Partner landesweit vergleichbare Leistungen anbieten.

Regelmäßige repräsentative anonyme Patientenumfragen in allen Krankenhäusern inklusive Privatkliniken und Arztpraxen sollen eine Analyse der vom Patienten wahrgenommenen Qualität ermöglichen, sowie einen Vergleich zwischen den Abteilungen und auch zwischen verschiedenen Krankenhäusern.
Der Einkauf soll, so weit möglich und sinnvoll, zentralisiert werden. Die interne Dokumentation der realen Kosten von Leistungen mit Veröffentlichung der variablen und fixen Kosten und nicht von fiktiven Kosten und DRGs soll einen Vergleich mit anderen Gesundheitssystemen und Mitbewerbern (Privat) ermöglichen, sowie die Auslastung von Großgeräten und Operationssälen belegen.

Die Einmischung der Politik in die Verwaltung des Sanitätsbetriebes ist einzustellen: es braucht eine klare Trennung von Betrieb und Assessorat. Die Primariats-Ernennungen und -Verlängerungen werden von einer kompetenten Kommission durchgeführt, die hauptsächlich aus Ärzten besteht, mit mindestens einem Vertreter des zu beurteilenden Faches, mit Beurteilungskriterien wie Qualität der Patientenversorgung, Organisation, Innovation, Schwerpunktsetzung. Der Wettbewerb und die Ernennung des neuen Primars oder Primarin sollte überlappend mit dem Abgang des alten Primars oder der alten Primarin erfolgen.

 

PERSONALENTWICKLUNG

Europaweit besteht ein akuter Mangel an Ärzte- und Pflegepersonal. So auch in Südtirol. Die große Zahl von prekären Arbeitsverhältnissen im Sanitätsbereich stehen der Rechts- und Planungssicherheit entgegen. Hier besteht dringender Handlungsbedarf, denn rechtskonforme und mitarbeiterfreundliche Vertragsreformen der bestehenden prekären Arbeitsverträge sind nötig, um das derzeit gute Personal überhaupt zu halten. Patientinnen und Patienten und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind keine Objekte. Beide haben Rechte und Pflichten.

Medizin ist eine Wissenschaft auch des Sprechens. Der Dialog zwischen Patientinnen und Patienten und Ärzten und Ärztinnen, bzw. Pflegepersonal ist grundlegend und wird es auch in Zukunft bleiben. Daher ist der Zweisprachigkeit besonders in Südtirol eine besondere Bedeutung zuzumessen.
Bei fehlendem Nachweis der Zweisprachigkeit zu Beginn der Anstellung sollten die Sprachkenntnisse mit Hilfe von Sprachkursen in der Dienstzeit in einem definierten Zeitrahmen erworben werden. Bestehende Kollektivverträge müssen unmittelbar nach dem Auslaufen neu verhandelt werden.

Grundsätzlich wünschen sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine klare Hierarchie, in der Visionen, Aufgaben, sowie Fort- und Weiterbildung mit transparenten Regeln und Pflichten, mit entsprechenden Freiräumen. Wichtig sind sozialverträgliche Karrieremöglichkeiten und leistungsbezogene Entlohnungen.
Es sollen attraktive Angebote und entsprechende Anreize geschaffen werden, damit Jungärztinnen und Jungärzte aus Südtirol, dem italienischem Inland und dem Ausland nach dem Studienabschluss oder nach Beendigung der Facharztausbildung nach Südtirol kommen. Die Facharzt-Ausbildung in Südtirol muss wieder möglich sein und die Zusammenarbeit mit schon bestehenden Einrichtungen ist anzustreben. Auch regionale Synergien sind erforderlich. Euregio-Projekte im Gesundheitswesen sind erstrebenswert.

 

DIGITALISIERUNG: IT UND DATENERHEBUNG

Eine Zusammenarbeit mit dem Trentino wäre in diesem Bereich erstrebenswert gewesen, und ist es auch weiterhin.
Die Einführung von Nahtstellen zur Praxissoftware zwischen den Allgemeinärzten und -ärztinnen, den Fachbereichen der Krankenhäuser sowie der im ambulanten Bereich tätigen Fachpraxen ist dringend notwendig. Vernetzung ist der Schlüssel hierzu.
Zudem soll die direkte Übertragung von Befunden und Krankenhausentlassungsbriefen zu den Hausärzten und den ambulanten Diensten gewährleistet sein.
Die Erstellung der digitalen Patientenakte ist mit Hochdruck voranzutreiben. Diese ermöglicht auch eine eigenständige Verwaltung der Privacy durch die Nutzerinnen und Nutzer. Das unterstreicht die Selbstbestimmung der Patienten und Patientinnen.
Eine bedeutende Erneuerung ist die Digitalisierung des Leistungsangebotes selbst, die Telemedizin. Telemedizin ist ein echter Mehrwert: bürgernah, effizient, sicher. Sie wird durch Big Data und künstliche Intelligenz derzeit revolutioniert. Dieser innovative Bereich sollte mit aller Konsequenz erprobt werden, da dadurch entscheidende Fortschritte im diagnostischen, therapeutischen und rehabilitativen Bereich möglich erscheinen.

DER SOZIO-SANITÄRE BEREICH

Viele Bereiche im Gesundheitswesen überschneiden sich mit dem Sozialwesen. Trotz des gemeinsamen Haushalts auf Landesebene gibt es aufgrund der verschiedenen Verwaltungssysteme dieser beiden Bereiche noch viel für die Vernetzung zu tun.
Ein entscheidender erster Schritt sind gemeinsame Fort- und Weiterbildungsprojekte für Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Sozial- und Gesundheitswesens. Auch regionale Synergien sind anzustreben. Gemeinsame Projekte der Europaregion Tirol-Südtirol-Trentino im Gesundheitswesen sind anzustreben.

GESUNDHEITSVERSORGUNG IM BEREICH DES TOURISMUS

Viele Touristinnen und Touristen verletzen sich während ihres Urlaubs oder benötigen einen Krankenhausaufenthalt. Die vom öffentlichen System getragenen Behandlungskosten können nicht immer von den Herkunftsländern unserer Gäste zurückgefordert werden. Es braucht eine konsequente Einforderung der ausstehenden Beträge und eine Neuverhandlung der Verrechnungs-Sätze gegenüber ausländischen Krankenkassen. Zudem sollte überlegt werden, in Zusammenarbeit mit der Tourismus-Branche eine Versicherungsform zu entwickeln, welche automatisch bei Bezug eines Zimmers eines Beherbergungsbetriebs oder Kauf eines Ski-Passes abgeschlossen wird.

ERSTE HILFE UND NOTFALLAUFNAHME

Es handelt sich vor allem um eine Herausforderung für die Landeshauptstadt und ihr Einzugsgebiet. Die oft stundenlangen Wartezeiten sind nicht länger tolerierbar. Die in Aussicht stehende Inbetriebnahme des Erste-Hilfe-Neubaus wird einen positiven Effekt haben, und auch der Abbau der Wartelisten wird unter anderem dazu einen erheblichen Beitrag leisten. Es bedarf jedoch zusätzlich gezielter organisatorischer Maßnahmen.
Eine Neuorganisation des hausärztlichen Notdienstes und eine verbesserte Erreichbarkeit und Filterfunktion der Hausärztinnen und Hausärzten vor allem in Bozen und Umgebung durch die Schaffung von Bereitschaftsdiensten durch Gruppen von Hausärzten und Hausärztinnen sind unerlässlich um von der Notaufnahme Druck zu nehmen. In der Ersten Hilfe selbst müssen auch Allgemeinmediziner Dienst leisten, welche Patienten und Patientinnen mit dringlichen Anliegen geringeren medizinischen Ausmaßes unmittelbar auch nachts und an Wochenenden versorgen. Schwere Fälle hingegen müssen direkt an die auszubauenden Notallfachambulanzen und deren Fachärztinnen und Fachärzten gelangen bzw. von Allgemeinpraktikerinnen und Allgemeinpraktiker unverzüglich an diese weitergeleitet werden.

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